Orgel



Orgel
Orgel

Bereits 1534 war in der Kirche eine Orgel vorhanden, von der aber keine Einzelheiten bekannt sind. 1680 versprach Wilhelm von Ahlefeld, eine neue Orgel zu stiften, und tat es wohl auch. Nach zahlreichen Reparaturen und Umbauarbeiten wurde die Orgel 1986 komplett erneuert. Sie hat nun 2 Manuale und Pedal mit insgesamt 16 Registern. Der Prospekt und die seitlichen Verkleidungen wurden in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. 2007 wurde die Orgel umfassend gereinigt, überholt und durch neue Gebläse ergänzt. Sie erklingt regelmäßig in Gottesdienst und Konzert.
Erwähnenswert sind neben dem wunderbaren Klang vor allem die 9 Musen, die ihr als plastischer Schmuck dienen. Sie stammen aus dem Barock und sind wohl eine Hamburger Arbeit um 1700. Näheres ist nicht bekannt. Vielleicht gehörten sie zu der oben angedeuteten Stifung Wilhelm von Ahlefelds. Aus dem Kirchenschiff heraus sind fünf Hochreliefs zu erkennen: auf dem Fußgesims seitlich des Prospektes links Melpomene, rechts Thalia, auf den Seitentürmen links Erato, rechts Kalliope, in der Mitte (ursprünglich auf dem Mittelturm, 1958 wegen des Einzugs einer neuen Decke heruntergestellt) Terpsichore oder Apoll. Die übrigen Musen finden sich als Reliefs in den ersten beiden Flachfeldern der Süd- bzw. Nordseite innerhalb eines Gespinstes aus zierlichem durchbrochenem Akanthus, Südseite: Euterpe und Polyhymnia, Nordseite: Klio und Urania. Alle Musen sind musizierend dargestellt, allerdings mit (um 1700) relativ modernen Instrumenten, nicht mit den Attributen aus dem klassischen Altertum. Die beiden Musen auf den Seitentürmen und diejenige auf dem Mittelturm tragen keinen Namenszug. In seiner "Chronik" von 1948 geht der Haseldorfer Pastor J. Stäcker wie selbstverständlich davon aus, dass die beiden Musen auf den Seitentürmen Erato und Kalliope sind. Vielleicht hatten sie vor der Kirchenrenovierung noch Aufschriften. Problematisch ist aber seine Annahme, dass die mittlere Figur Apoll darstelle. Sie wird nicht durch irgendwelche Attribute der Figur gestützt, und er erklärt auch nicht, warum Apoll mit nur 8 (und warum dann gerade mit diesen 8) Musen erscheint (eine Entsprechung aus der Märchenwelt wäre "Schneewittchen und die sechs Zwerge"). Deshalb gehen wir (ebenso spekulativ wie Stäcker) davon aus, dass die mittlere Figur Terpsichore darstellt.
Griechische Musen aus (vorchristlicher) Zeit in einer christlichen Kirche? Der Musikwissenschaftler H. J. Moser schreibt über den Titel "Musae Sioniae" ("Zionsmusen", eines der Hauptwerke des evangelischen Erzkantors Michael Praetorius): "'Musae Sioniae' - die Musen noch als Renaissancevorstellung - aber sie wohnen jetzt nicht mehr auf dem Parnass der Griechen, sondern auf dem Berg Zion des Alten Testamentes." Auch viele andere Werktitel dieser Zeit deuten an, dass in der Barockzeit die Musen ihren Dienst in der christlichen Kirche antreten. Sie haben im Wesentlichen auch ihre Attribute, die ihre Funktion in der griechischen Mythologie andeutet, verloren: Alle spielen nun Musikinstrumente.




Melponeme
Melpomene

Muse der Tragödie
Attribut: ernste Maske
Hier spielt sie die ventillose Trompete oder Fanfare, ein höfisches Instrument, das in der Kirchenmusik oft als Symbol für die Herrlichkeit Gottes verwendet wird.




Erato
Erato

Muse der Liebesdichtung
Attribut: Saiteninstrument
Hier spielt sie krummen Zink, ein Instrument aus Holz mit Kesselmundstück, aus zwei Hälften zusammengesetzt, mit Leder bezogen und achteckiger Form, hier Spielweise mit rechter Hand oben. Der krumme Zink diente als Diskantinstrument des Posaunenchores und wurde auch solistisch gespielt.




Terpsichore
Terpsichore

Muse des Tanzes
Attribut: Saiteninstrument
Hier spielt sie Harfe.




Kalliope
Kalliope

Muse der epischen Dichtung, Mutter des Orpheus und des Linos und Chorführerin der Musen
Attribut: Schreibtafel oder Schriftrolle
Hier spielt sie Viola da braccio (Armviola, vergl. Polyhymnia), wegen der Größe des Instruments im Vergleich zum Körper ist Violine ausgeschlossen. Der für damals typische Rundbogen ist gut zu erkennen.




Thalia
Thaleia

(oder röm. Thalia) Muse der Komödie
Attribut: komische Maske, Hirtenstab und Efeukranz.
Hier spielt sie Posaune, gut zu erkennen sind das Kesselmundstück und die für Renaissanceposaunen typische kleine Stürze




Euterpe
Euterpe

Muse der Instrumentalmusik und des Gesanges
Attribut: Flöten
Hier spielt sie ein Positiv, d. h. eine kleine Orgel, die zur Begleitung von Chor- oder Solostimmen diente. Auffällig ist, dass die hohen (kurzen) Pfeifen links und die tiefen (langen) rechts stehen.




Polyhymnia
Polyhymnia

Muse des ernsten Gesanges und der Musik
Attribut: ins Gewand gehüllte Arme
Hier spielt sie Violoncello oder Viola da gamba (Beinviola). Die Oberhandbogenführung, das Fehlen der Bünde und die F-Schalllöcher sprechen für Cello, die 5 Saiten deuten eher auf Gambe. Es gab auch zahlreiche Mischformen dieser Instrumente.




Klio
Klio

Muse der Geschichte
Attribut: Schriftrolle
Hier spielt sie Knickhalslaute.




Urania
Urania

Muse der Astronomie
Attribut: Himmelskugel, auf die sie mit einem Stab deutet
Hier ist sie Sängerin. Die menschliche Stimme galt in der Barockzeit auch als Instrument.




(Fotos Frauke Hehnke)





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